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25. Jänner 2018

Mobile Jugendarbeit wirkt

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2017 hat der Verein Wiener Jugendzentren 25 Jahre Mobile Jugendarbeit in Wien gefeiert. Und passend zum Jubiläum konnte das Buch „Wirkungsevaluation Mobiler Jugendarbeit“ (Hemma Mayrhofer Hrsg., Verlag Barbara Budrich) präsentiert werden. Gefördert vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie im Rahmen der Sicherheitsforschung war es ein eher ungewöhnliches Projekt, welches das Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie gemeinsam mit der FH Campus Wien durchführte. „Jugendarbeit im öffentlichen Raum als mehrdimensionale Sicherheitsmaßnahme“ als Titel war zum einen dem Forschungsbereich geschuldet, zum anderen war aber der Sicherheitsaspekt durchaus auch ein beachtenswerter – und wie sich anhand der Resultate herausgestellt hat unterschätzter – Gegenstand der Forschung.

Zwei Jahre hindurch wurden vier Einrichtungen der Mobilen Jugendarbeit (zwei in Wien vom Verein Wiener Jugendzentren, zwei in Niederösterreich vom Verein Tender) beforscht. Neben den bisher erwähnten vier Organisationen war auch noch das Innenministerium maßgeblich beteiligt, unter anderem indem es umfangreiches und detailliertes Zahlenmaterial aus dem „Sicherheitsmonitor“ zur Verfügung stellte.

Die Zielsetzungen des Projekts waren Wirkungsdimensionen und –indikatoren zu identifizieren, angemessene Methodentools zu erarbeiten und daraus empirisch fundierte Wirkungserkenntnisse zu gewinnen. Letztendlich sollten Empfehlungen für die mobile Jugendarbeit und ihre Schnittstellen zu anderen relevanten Akteur_innen auf kommunaler Ebene abgeleitet werden.

Gleich zu Beginn bestand eine große Herausforderung darin, für das sehr offene Arbeitsfeld der Mobilen Jugendarbeit adäquate Indikatoren und die dazu passende Methodik zu entwickeln. Generell unterstützt Jugendarbeit bestimmte Wirkungen, ist aber niemals alleine wirksam, sondern ein Faktor von vielen, die auf das Leben junger Menschen Einfluss haben. Insofern ist eine direkte Wirkungszuordnung schwer möglich. Noch schwieriger ist das natürlich, wenn es um präventive Wirkungen geht.

Letztendlich hat man sich für eine Kombination qualitativer und quantitativer Daten entschieden. Eine Umfrage unter aktuellen Nutzer_innen, intensive narrative Interviews mit „ehemaligen“ Nutzer_innen, Netzwerkanalysen, sozialräumliche Fallstudien und nicht zuletzt die Auswertung der „Sicherheitsmonitor“- Daten wurden durchgeführt. Aufgrund der umfangreichen Forschung lassen sich die Ergebnisse in diesem Rahmen nur stichwortartig wiedergeben, für Details sei die Publikation – welche in pdf-Form im Übrigen gratis ist – wärmstens empfohlen.

Auf Basis der quantitativen und qualitativen Befragungen erscheinen bezüglich individueller Wirkungen drei Bereiche besonders bemerkenswert. Die Jugendarbeiter_innen haben – Langfristigkeit und Kontinuität der Arbeit vorausgesetzt – besonders intensive und stabile Beziehungen zur Zielgruppe, welche sonst gesellschaftlich kaum erreicht werden kann. In beachtlichem Ausmaß können Wirkungen bezüglich Gendersensibilität und Abbau von Abwertung gegenüber anderen (vor allem ethnischen) Gruppen beobachtet werden. Diese Wirkung resultiert vorrangig, und das ist ein durchaus bemerkenswerter Nebenaspekt, aus der Vorbildwirkung, welche die Jugendarbeiter_innen als authentische und anerkannte Erwachsene haben. Und drittens sind vor allem positive Änderungen in Bezug auf Konfliktfähigkeit zu beobachten.

Im Sozialräumlichen Kontext gibt es zwei besonders bemerkenswerte Ergebnisse. Lokale Politik „hört“ in der Regel auf die Mobile Jugendarbeit, wodurch sich Verbesserungen für Jugendliche im Öffentlichen Raum leichter durchsetzen lassen. Und letztendlich gab es durch die Analysen des Sicherheitsmonitors Erkenntnisse, die auch medial einigen Niederschlag gefunden haben: Der Sicherheitsmonitor des BMI speichert sämtliche polizeiliche Anzeigen (nicht Verurteilungen) nach Tatort. Dadurch können sehr kleinräumige Analysen durchgeführt werden. Für diese Studie wurden nun über einen Zeitraum von zehn Jahren fünf Deliktgruppen (z.B. Körperverletzung) bezogen auf Tatverdächtige unter 30 Jahren in die Berechnung einbezogen. 14 vergleichbare Regionen wurden definiert, davon acht, in welchen Mobile Jugendarbeit zum Einsatz kommt. Aufgrund der Datenlage über viele Jahre konnten auch Vorher-Nachher-Vergleiche (vor/nach Einführung der Mobilen Jugendarbeit) berechnet werden. Um platte Vereinfachungen zu vermeiden, wurden vier verschiedene Rechenmodelle verwendet und eine Menge anderer Einflussfaktoren in die Berechnungen mit einbezogen bzw. die Ergebnisse dahingehend bereinigt. Die Kernaussage ist, dass es in jedem Berechnungsmodell einen signifikanten Effekt gibt, wenn Mobile Jugendarbeit in spezifischen Sozialräumen zum Einsatz kommt, mit einem gesicherten Rückgang von 20% über alle Deliktgruppen, in einzelnen Rechenmodellen über 45% in bestimmten Deliktgruppen.

Bezüglich Empfehlungen gibt es letztendlich vier Kernaussagen. Die fachliche Auseinandersetzung mit Jugendarbeit in und mit Online-/Sozialen Medien sollte verstärkt werden. Rahmenbedingungen für stabile Teams und langfristige Beziehungsarbeit sind essentiell. Das Arbeitsverhältnis zur Polizei zwischen vertrauter Distanz und dezenter Nähe sollte ständig reflektiert werden. Und schließlich werden die Fördergeber aufgefordert, adäquate Instrumente des Wirkungsnachweises zu entwickeln und auch einzusetzen – was aber auch mehr Mittel erfordert.

Diese überaus positiven Ergebnisse können bis in kleine Details hin in der bereits anfangs erwähnten Veröffentlichung nachgelesen werden. Für Fachkräfte in diesem Bereich meiner Ansicht nach ein „Muss“, deswegen hier am Ende der nochmalige Hinweis: „Wirkungsevaluation Mobiler Jugendarbeit“ (Hemma Mayrhofer Hrsg., Verlag Barbara Budrich, 2017)

Werner Prinzjakowitsch, Pädagogischer Bereichsleiter

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